(* 30. März 1929 in Petrikau, Polen)

Waldemar Otto ist ein Faszinosum auf dem Gebiet der figürlichen Bildhauerei der Nachkriegszeit. Über drei Jahrzehnte dozierte der in Worpswede lebende Künstler an der Hochschule für Gestaltung in Bremen und zählt diesbezüglich zu den führenden Lehrpersönlichkeiten in der Bildhauerkunst.

In seinem gesamten Œuvre setzt er sich mit einem Bildthema auseinander, das aus figurativen Plastiken – in Form von Torsi – besteht und in dem er sich mit der Beziehung des Menschen zu Raum und Umgebung auseinandersetzt. In unterschiedlichen Werkphasen experimentiert er nicht nur auf formaler Ebene mit seinen Menschenleibern, sondern auch im Bezug auf inhaltlichen Zusammenhängen und unterschiedlichem Material wie Beton, Asphalt oder Rollsplitt, wobei Bronze sein vorrangiger Werkstoff ist.

Seine ersten Torsi entstanden im Jahre 1961. Hierbei handelt es sich nicht nur um eine reine Kunstform, sondern sie stellen die Inkarnation äußerster Desillusionierung und Angstzustände dar. Aufgrund der Torsierung nimmt der Künstler Bezug auf die Verstümmelung und Zerrissenheit des Menschen, der in Ottos Figuren wieder an Gestalt gewinnt, wodurch Inhalt und Form konkludieren. Doch woher stammt die Bedrohung? Dies wird in einem späteren Werkzyklus deutlicher, in dem er seine dreidimensional gefertigten schwellenden Figuren mit Wandelementen kombiniert. Menschen mit einer voluminösen Körperhaftigkeit – die Phänomenologie des Lebendigen – werden von Stelen und Platten eingeschlossen. Die brettartigen Metallstangen sind anonyme Kräfte, die wie ein Spiegel Aussehen und Charakter der Figur bestimmen. Eine weitere Interpretationsebene wäre, die Platten als verengte Räume, wie Kerker oder Käfige, zu deuten. Der weich geformte bauschende Menschenkörper ist eingezwängt von scharf kantigen Metallleisten, wobei sich der Künstler die Frage stellt, ob der Mensch die Maße seiner Umwelt bestimmt, oder ob es umgekehrt ist – „wer definiert wen?“

Ottos Figuren pendeln in ihrem Aussehen, mit geschlossenen Augen, abgerundeten Fingerkuppen und teils mit Schlängellinien versehen, zwischen Naturvorbild und Abstraktion. In ihrer Darstellungsweise personifizieren die Torsi einen modernen Menschen, der sich mit Mogeleien – ob nackt oder bekleidet – durch das Leben schlängelt.

Seine figürlich geformten Plastiken werfen anthropologische und philosophische Fragen auf, wobei sich vom Künstler mit einer eindrucksvollen Spiritualität versehen werden.

Otto studierte von 1948 bis 1955 an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, wo Alexander Gonda sein Meisterlehrer gewesen ist. Trotz unterschiedlichen Werkphasen bleibt der Künstler, dessen Arbeiten sowohl in nationalen als auch internationalen Galerien und im öffentlichen Raum gezeigt werden, seinem Grundprinzip treu: die Verformung und Veränderung der Körper zugunsten ihrer Ausdruckserhöhung.

FOTOS

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Abbildungsnachweis Waldemar Otto:

Waldemar Otto_1: Waldemar Otto, Mensch und Maß, DASA Galerie – Dortmund, S. 56

Waldemar Otto_2: http://worpsweder-gegenwartskunst.de/WaldemarOtto/images/WaldemarOtto01.jpg

Waldemar Otto_3: http://lh6.ggpht.com/-HNi-cljpMek/T0ZzL5NQkJI/AAAAAAAAXU0/KfHLC4V2ksk/s800/20120218Otto08.jpg

Waldemar Otto_4: http://www.galerie-am-gendarmenmarkt.com/bisher/33_aktuelle_bio.ht

Waldemar Otto_5: http://worpsweder-gegenwartskunst.de/WaldemarOtto/ImAtelier/images/WademarOttoAtelier005_small.jpg