(* 17. November 1921 in Mittenwalde; † 9. April 1999 in Köln)

Die Autodidaktin Ursula Schultze-Bluhm – Künstlername Ursula – wurde 1954 von Jean Dubuffet entdeckt und in sein Musée de l’Art Brut aufgenommen. Ihre künstlerische Tätigkeit begann bereits einige Jahre zuvor, wobei sie begann zu malen und hierfür Gedichte zu schreiben. Ihr Gesamtwerk umfasst Objekte, Assemblagen, Materialbilder und Text- und Zeichnungsarbeiten. Gemeinsam mit ihrem Mann – Bernhard Schultze, ebenfalls Künstler – holte sie nicht nur für sich, sondern auch für dessen Kunstwerke Inspiration und trug am Nestbau von Schultzes Migofs bei.

Ihr Ehemann verlieh ihr den Namen „Spinne“. Zu Beginn von Ursulas künstlerischen Karriere schrieb die Kölner Museumsdirektorin Evelyn Weiss, dass ihre „versponnenen Texte von hoher literarischen Qualität mit einer eigenen Syntax und neuen Wortschöpfungen“ aufweisen. Doch ihr Œuvre beinhaltet nicht nur eine textliche „Versponnenheit“, sondern ihre Objekte, Zeichnungen und malerischen Werke stellen eine „Webkunst“ dar.

Seit 1950/51 zieren ihre Werke Kobolde und dämonische Wesen, die sich labyrinthisch aus Teilen von Mensch und Tier zusammensetzen und von vegetabilischen zu morbiden Formen übergehen. Ihre Gestalten entstehen in einer kostbaren Farbigkeit und gestalterischen Balance mit einem hohen Maß an Präzision zu fantasievollen Metaphern. Ursulas Spukgestalten erzählen die Geschichten von Scherz, Ironie und Satire in Form von Märchen und Legenden, wodurch das Untragbare tragbar gemacht wird. Es kommt zu einem Dualismus bezüglich der Lesbarkeit ihrer Werke: Es handelt sich um Kindermärchen, die im Laufe der Zeit einen tieferen Sinn in sich verborgen halten oder wir treten den Geschichten als „naive“ Betrachter gegenüber. Der Kontrast von Ekstase und Präzision füllt ihre Kunst und ruft eine Faszination – egal ob provozierend oder schmeichelnd – in uns hervor.

In den Objekten und Environments wird die Komplexität von Ursulas Denken, das aus Vielschichtigkeit und spiritueller Fantasie besteht, optisch als auch haptisch erfahrbar. Ihr Mix aus realitätsbezogenen Arbeiten und subjektiv mythologisch aufgeladenen Erscheinungen gehen – trotz unterschiedlicher Materialität – eine interpretationsreiche Symbiose ein. Messerscharfe Rasierklingen und spitze Nägel verbergen sich unter zarten Pelzen. Ihre Fell-Environments verführen dazu, sie streicheln zu wollen. Zugleich drohen die sich darin versteckten gefährlichen Gegenstände zuzustechen.

1999 verstarb die Künstlerin in Köln, doch ihre Werke ziehen sich bis heute wie kunstvolle Fäden durch nationale wie auch internationale Sammlungen.

 

Fotos

Ursula_2

Abbildungsnachweis Ursula:
Ursula_1: Timm Gierig: Ursula (Schultze-Bluhm). Werke aus den Jahren 1970 bis 1996. Mit einem Text des Galeristen und Karl Ruhrberg (Auss.kat.), 12. Oktober – 23. November 1996, Frankfurt 1996, S. 2.
Ursula_2: Timm Gierig: Ursula (Schultze-Bluhm). Werke aus den Jahren 1970 bis 1996. Mit einem Text des Galeristen und Karl Ruhrberg (Auss.kat.), 12. Oktober – 23. November 1996, Frankfurt 1996, S. 50.