(* 31. Januar 1934 in Damaskus, Syrien)

Jörn Merkert charakterisiert den aus Syrien stammenden Künstler Marwan Kassab-Bachi mit den Worten, dass er ein „Maler in Stufen“ ist. Doch was ist damit gemeint? Marwans Sujets beinhaltet Köpfe, Figuren, Paare, Marionetten, Stillleben und Radierungen, die sich stufenweise von seiner Zeit als Schüler von Hans Trier an der Akademie für Malerei (1957 bis 1963), über seine Professur (1980 bis 2002) bis heute als freischaffender Künstler in Berlin entwickelte.

Analog verhält es sich mit seinem malerischen Duktus. Seine Darstellungen werden formal aufgelöst, wodurch er die Eigenständigkeit der Farbe und Linie erobert. Der Inhalt seiner Bilder ist zugleich die Malerei an sich. Die Gesichter seiner Portraitierten zeigen sich dem Betrachter mit einer befremdlichen Physiognomie, denn ihre Augen, Münder und Wangen werden gerafft oder ineinander gedrängt.

Dieses „verschobene“ Antlitz setzt sich aus verschiedenen pastos aufgetragenen, reinen und gesättigten Farben zusammen. Die Nuancen verströmen auf der Leinwand, bis sie sich zu einer dichten Hülle zusammenschließen, die ein Inneres verbirgt. Die Fläche – welche die Figuren umfasst – schmiegt sich wie eine zweite Haut an die Personen an, wodurch der klassische Konflikt von Grund und Bild aufgehoben wird.

Die Menschen, die mit Lasurmalerei – in jüngerer Zeit mit Ei-Tempera – auf der Leinwand entstehen, tragen mehrere Ambivalenzen in sich: Zerbrechlichkeit und Selbstsicherheit, Misstrauen und Hilflosigkeit, Drama und Fröhlichkeit. Diese Doppeldeutigkeit wird für den Betrachter zumeist erst erfahrbar, wenn man die Werke von einer größeren Entfernung begutachtet. Es wird ein aktives Sehen gefordert, denn die virtuosen Spuren des Pinsels ergeben dann erst ein erkenntliches Bild.

Die Unbelebtheit der Dinge wird nicht nur in seinen Marionettenbildern thematisiert, sondern gleichsam in den Stillleben. Es erweckt den Eindruck, als könne der Maler in der Nature morte die unterschiedlichen Gefühlswelten des Menschen noch mehr Ausdruck verleihen. Ihre reale Wirklichkeit wird mit der Fragilität des Inneren verflochten – Leben und Vergänglichkeit verschmelzen miteinander.

In Marwans „pathetischen Figurationen“ wird Unbewusstes, die Innenwelt und wache Tagträume mit der diesseitigen Welt als bildnerischer Gegenstand gezeigt, wodurch er seinen Werken einen authentischen Charakter verleiht. Es ist das Hier und Jetzt, die Verwandlung jeder einzelnen Person, die seine Kunst so faszinierend macht, wobei sich auch immer die Frage nach der eigenen Identität gestellt werden muss.

Abbildungsverzeichnis Marwan Kassab-Bachi:

Marwan_1: Timm Gierig: Marwan. Ausstellung in der Kunsthalle Darmstadt (Auss.kat.), Darmstadt 1984, S. 12.