(* 14. März 1932 in Dübendorf, Schweiz)

Der in der Schweiz geborene Bildhauer und Objektkünstler Jürgen Brodwolf begann seine künstlerische Ausbildung 1948 in Bern als Zeichner und Lithograph, gefolgt von seiner Tätigkeit als Freskorestaurator (1955 – 1960). Während dieser Zeit entdeckte er das Sujet der Tubenfigur (1959) für sich, wobei es sich um ausgedrückte Maltuben handelt, die er aus eigener Körperkraft zu menschlichen Figuren formt und einem ready-made gleichen, das in den Rang einer Figur erhoben wird.

Die Tuben erinnern an einen Torso ohne Arme, die einen Rumpf und lange Beine besitzen. Ihre Schultern sind leicht angewinkelt und der leicht nach vorne gebeugte Kopf der Figuren tritt als roter, gelber oder grüner Farbfleck an die Stelle, die einst als Schraubverschluss der Tube diente. Die Beschäftigung mit Fantasiefiguren knüpft allerdings – wie der Künstler selbst sagt – an seine Kindheit an, in der er bereits aus Holz, Zweigen und Steinen Fantasiegestalten modellierte. Er löst sich von seinem kindlichen Spiel zum rationalen Denken der Erwachsenenwelt und findet in seinen Tubenfiguren seine eigene Identität – sein alter ego.

Der Mensch als ausgedrückte Maltube. Ein Aspekt, der einen Bezug zum philosophischen Existentialismus herstellen lässt. Sartre verweist auf die reine „Existenz“ des Menschen, sobald er von allen Illusionen entkleidet wird. Brodwolf positioniert sich sowohl künstlerisch als auch philosophisch, in dem er seine „Urform“ gefunden hat. Der Künstler unterwirft seine figürlichen Gestalten einem stetigen Evolutionsprozess und transferiert sie in neue Kontexte.

Seine Bleifiguren werden durch Leinenbinden und Tüchern von einer Hülle umgeben und in Frontalansicht als Leinwandfiguren oder Stelen präsentiert. Sie zeigen Idole, die aufgrund ihrer numinosen Aura an archaische Tempelfiguren erinnern. Seine Papierfiguren hingehen gewähren einen Blick von der Seite und sind aufgrund ihrer geschwungenen S-Biegung ein dynamisches Gegengewicht zu den Stelen. Diese erwecken eher den Eindruck von gotischen Madonnen oder Heiligen aus der christlichen Bildwelt.

Seine Skulpturen werden in Guckkästen, frei liegend im Raum, in Installationen oder aufgebahrt – wobei sie an Opferfiguren aus archäologischen Funden erinnern – in Museen präsentiert, was auf eine Transgression hinweisen lässt – doch hat der Tod und das Sterben das letzte Wort in Brodwolfs Arbeiten? „Die Farben haben mich überwältigt. Aber die Figuren halten stand“, so der Künstler.

FOTOS

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Abbildungsnachweis Jürgen Brodwolf:

Jürgen Brodwolf_1: http://www.galerie-im-tor.de/Ausstellung/Brodwolf/Images/Brodwolf1.jpg

Jürgen Brodwolf_2: Jürgen Brodwolf im Museum „Villa Haiss“ in Zell am Harmersbach mit seiner Bleifigur aus dem Jahr 1990 vor dem Reliefbild „Malerpalette“ aus dem Jahr 2011.

http://p4.focus.de/img/gen/3/1/1331627225_jpeg-1480D000C0EDC70B-20120308-img_35509570_1869474_1_dpa_Pxgen_r_630xA.jpg

Jürgen Brodwolf_3: http://www.republic-of-culture.de/files/kp-juergen-brodwolf.jpg

Jürgen Brodwolf_4: DASA-Galerie Dortmund, Mensch – Maschine – Arbeit – Jürgen Brodwolf – Figur – Raum – Zeit (Ausst.kat.), S. 4.

Jürgen Brodwolf_5: DASA-Galerie Dortmund, Mensch – Maschine – Arbeit – Jürgen Brodwolf – Figur – Raum – Zeit (Ausst.kat.), S. 48.