Künstler im Fokus – Herbert Albrecht im Interview

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Im Rahmen der Reihe Künstler im Fokus gibt uns auch Herbert Albrecht anläßlich der Ausstellung am 24.7.2014 in einem Interview Einblick in sein Werk und Schaffen.

Lieber Herr Albrecht,
im Zusammenhang der Doppelausstellung bei Gierig Kunstprojekte haben wir uns für einen künstlerischen Dialog zweier österreichischer Künstler entschlossen. Sie zeigen nach außen Bildinhalte, die auf ihre wesentliche Form reduziert werden. Es interessiert uns, wie Sie das realisieren und freuen uns sehr, Ihnen diesbezüglich ein paar Fragen zu stellen. In Ihren Arbeiten spielt die menschliche Figur, insbesondere der „Kopf“, eine zentrale Rolle. Worauf gründet diese Entscheidung?

„Bereits als kleiner Junge habe ich Köpfe aus Ton, Gips oder Terrakotta modelliert. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe ich mich dann wieder ersten Kopf-Arbeiten gewidmet. Innerhalb einer Ausstellung traf ich auf großes Interesse, da es modern erschien, sich mit diesem Sujet auseinanderzusetzen. Es gab eine internationale Porträt-Ausstellung in Salzburg, anlässlich dieser ich ausgestellt habe und somit begann es, dass ich herumreiste. Es war keine Absicht, dass ich mich auf Köpfe spezialisierte – es war Glück – und ist dadurch zu einem wichtigen Thema für mich geworden.“

Es taucht in Ihren Werken eine Anlehnung an den Kubismus auf, da ihre Plastiken aus Fragmenten realisiert werden und sich teils überlappen. Gibt es einen oder mehrere Künstler, der Sie diesbezüglich inspirierte und was bedeutet das Fragmentarische in Ihrem Werk?

„Mein Werk beinhaltet eine lange Entwicklung, die bereits im Alter von 16 Jahren begann. Ich wollte schöne, klassische Figuren machen. Dies hat sich dann sehr bald geändert, da ich große Bildhauer gesehen und kennengelernt habe. Von einem Beginn des Kubismus – innerhalb meiner Arbeiten – ist der Besuch der Akademie der Bildenden Künste bei Fritz Wotruba (1951) in Wien zu verzeichnen.

Als ich das erste Mal in Paris auf die Werke des Bildhauers Constantin Brâncuși traff, war ich von der Tatsache fasziniert, wie er eine Figur so vereinfachen kann. Obwohl es nur Fragmente gewesen sind, waren es ganze Dinge. Der Torso eines Bauches erschien wie eine ganze Figur – es hat nichts gefehlt.

Bezüglich der Torsi möchte ich Michelangelo – den bedeutendsten italienischen Maler und Bildhauer der Renaissance – zitieren: Man muss eine Figur über einen kleinen Berg hinunterrollen und was davon wegfällt, das muss weg. Das ist zu viel.“

In Ihrem Gesamtwerk lassen sich ab 1980 malerische Ansätze feststellen. Würden Sie hierbei lediglich von einer Phase sprechen oder durchziehen sich die Zeichnungen – evtl. in Form von Vorzeichnungen für Ihre plastischen Arbeiten – durch Ihre künstlerische Laufbahn.

„Die Zeichnung begleitet mich ein Leben lang. Seit Anbeginn trage ich immer einen Bleistift in meiner Tasche und verwende ihn täglich. Neben Zeichnungen notiere ich mir auch Dinge.
Lange Zeit habe ich auch nur gezeichnet und Modelle – oberflächlich – auf Aqua Graphit festgehalten. Die Zeichnungen und die Bildhauerei stehen nicht im direkten Bezug zueinander, obwohl es immer noch die Zeichnungen des Bildhauers sind. Der Bildhauer befindet sich in den Zeichnungen.
Dass ich in den 80er Jahren begonnen habe zu malen, gründet sich in den Umständen, dass ich mit den Dingen in der Plastik nichts mehr aussagen konnte. Ich habe darin nichts gefunden. Hingegen konnte ich es durch Malerei ausdrücken. Malerisch habe ich mich nur wenigen farblichen Nuancen gewidmet, da ich eher graphisch gearbeitet habe. Das Papier beinhaltet keine bunte Farben, sondern es ist immer das Hell und Dunkel des Bildhauers zu sehen.“

Stellt es für Sie einen Unterschied dar, ob sie Plastiken für den öffentlichen oder für den privaten Raum anfertigen?

„Meine Arbeit – es gibt Ausnahmen – besteht hauptsächlich aus freie Arbeit. Bei Wettbewerben, z. B. innerhalb eines architektonischen Raumes, geh ich anders vor. Dies hängt mit den Maßnahmen zusammen, da es sich um größere Plastiken handelt. Die Intention bleibt gleich. Ich mache nichts anderes, ich mache immer meine Arbeit – sie wird nur größer.“

Herbert Albrecht 2008 Torso Glaukonit

Sie verwenden bei Ihren Skulpturen insbesondere die Materialien Marmor und Bronze, wobei eine physische Präsenz und eine materielle Spürbarkeit der Figuren den Betrachtern vermittelt werden soll. Geht es bei den Materialien um deren Charakteristika, dass sie sich gut verarbeiten lassen und stellen einen Rückgriff auf deren zentralen Bedeutungen innerhalb der Bildnerei seit der Antike dar? Oder ist es deren Materialikonographie, die Sie fasziniert, innerhalb dieser Monika Wagner (Lexikon des künstlerischen Materials) dem Metall Bronze „als Garant von Macht und gesellschaftlichen Werten“ betrachtet.

„Die Wahl des Materials – das ist in der Tat für einen jungen Menschen, der sich mit Bildhauerei beschäftigt, ein Thema. Man weiß lange nicht, was eigentlich mein Material ist. Ausgehend von der Kunstwerkschule habe ich mich viel mit Holz beschäftigt. Mit den Holzarbeiten habe ich schnell aufgehört, als ich das erste Mal an der Akademie mit Stein gearbeitet habe. Ich war von dem Material sehr fasziniert. Es war, als befinde man in einer anderen Welt, da es vollkommen anders war, damit zu arbeiten.

In den 50er Jahren habe ich auch mit Eisen gearbeitet. Das künstlerische Schaffen beinhaltete hierbei eine große Unsicherheit, weshalb ich nach ein paar Jahren aufgegeben habe. Zudem fehlte mir der Zugangsort seitens der Industrie. Man benötigt eine Werkstatt – die hatte ich nicht – und das Material lies sich nicht so formen, wie ich es wollte. Mit Stein kann ich es modellieren, wie ich es möchte. Das war der Grund, warum ich beim Stein geblieben mit und er macht mir bis heute viel Freude. Das Material beinhaltet eine schwere, langsame und meditative Arbeit für mich. Doch obwohl es eine schwere Arbeit ist, funktioniert es gut. Vor allem kann ich mit Stein alles selbst machen. Wenn ich etwas gießen möchte, benötige ich einen Gießer. Es entstehen Änderungen, woraufhin ich mit dem Werk unzufrieden bin. Dann habe ich keine Freude mit der Arbeit.“

Viele Künstler verwirklichen im 20. Jahrhundert ihre Skulpturen – im Gegensatz zu Marmor oder Bronze – aus vergänglichem Material, wie z.B. Schokolade oder Fett. Dies bedeutet, dass Ihre Werke – wie z.B. bei dem Universalkünstler Dieter Roth oder Joseph Beuys – intendieren, zu verfallen bzw. zu verfaulen und dementsprechend auch als „Müllkunst“ bezeichnet werden. Was halten Sie von solchen Werken?

„Es ist alles erlaubt! Ein Wiener Kunstphilosoph gab – nach meinem Verständnis – die Antwort darauf, was Kunst ist: Wenn ein Mensch kreativ arbeitet – irgendwas – und er sagt, es ist Kunst, dann ist es auch Kunst. Man kann alles tun. Ich hingegen würde es nicht machen. Ich hätte keine Freude damit. Gips ist ein wunderbares Material für einen Bildhauer, aber es ist nur vorübergehend und am Ende wird es immer in Metall gegossen, ansonsten geht es zugrunde. Das war die klassische Bildhauerei, das ist ja was ganz anderes.

Es gibt so viele Dinge. Man kann durchaus Objekte aus Papier herstellen. Wenn ich Modelle modelliere, so verwende ich als Hilfsmaterial ebenfalls Papier oder Ton. Aber als Endgültiges ist es mir zu wenig. Ich habe für mich den Stein auserkoren, auch wenn er nicht ewig hält. Ich verwende nicht Materialien wie Bronze oder Stein, damit die Werke ewig erhalten bleiben, sondern weil ich Freude damit habe.“

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch. So wie Sie Freude an Ihrer Kunst haben, so hat es mich gefreut, dieses Interview mit Ihnen zu führen.